Interview mit Ivan Brühwiler

Ivan Brühwiler

«Dämmmaterialien mit einem Schmelzpunkt von mehr als 1000 Grad spielen beim Brandschutz im Holzbau eine entscheidende Rolle.»

Ivan Brühwiler, Holzbauingenieur BSc FH/STV, Dipl. Brandschutzexperte VKF, Geschäftsleitung Josef Kolb AG Ingenieure & Planer Holzbau Brandschutz, Romanshorn

Bei mehrgeschossigen Bauten denkt der Laie vor allem an massiv konstruierte Gebäude und nicht an Holzkonstruktionen. Woher kommt das?

Die Vorstellung, dass man mit Holz keine hohen Häuser bauen könne, ist vor allem geschichtlich geprägt. Jahrzehntelang liessen es die Brandschutzvorschriften nicht zu, Holzgebäude mit mehr als zwei oder drei Geschossen zu erstellen. Denn es hiess immer: «Holz brennt». Die stufenweise Anpassung der Brandschutzvorschriften in den vergangenen zwei Jahrzehnten hat hier ein Umdenken gebracht: seit der Einführung der Schweizerischen Brandschutzvorschriften 2015 der Vereinigung Kanontaler Feuerversicherungen (VKF) können Holzbauteile grundsätzlich für alle Gebäudehöhenkategorien und Nutzungen eingesetzt werden. Teilweise sind die Vorurteile bei der Bevölkerung aber noch immer tief verwurzelt.

Was waren die entscheidenden Schritte hin zu den aktuellen Anwendungsmöglichkeiten?

Die ausführliche Forschung und Entwicklung im Bereich «Brandschutz im Holzbau» hat viel dazu beigetragen. Wichtig war zu zeigen, dass nicht die Brennbarkeit eines Materials das massgebende Kriterium ist, sondern dass das Brandverhalten vielmehr von der brandschutztechnisch korrekten Ausführung einer Konstruktion abhängt. So konnte erreicht werden, dass in den Brandschutzvorschriften 2015 nicht mehr zwischen brennbaren und nicht brennbaren Konstruktionen unterschieden wird. Oder anders gesagt: Baut man mit Holz richtig, entstehen Bauten, die bezüglich Brandschutz problemlos mit massiven Gebäuden mithalten können.

Im Holzbau übernehmen Dämmprodukte oft Aufgaben bezüglich Feuerwiderstand der Bauteile. Welche Bedeutung hat hier ein Schmelzpunkt von mehr als 1000 °C?

Ein Schmelzpunkt von über 1000 °C ist bezüglich Brandschutz im Holzbau ein entscheidendes Kriterium. Der hohe Schmelzpunkt bewirkt, dass die Dämmung auch bei sehr hohen Temperaturen beständig ist, was gegegenüber Dämmungen mit tieferem Schmelzpunkt einen Vorteil bedeutet. Resistentere Dämmungen können aktiv zum Brandverhalten von Holzbauteilen beitragen. Ein typisches Beispiel dafür ist der seitliche Abbrand von tragenden Holzbauteilen. Wenn Dämmmaterialien mit einem Schmelzpunkt über 1000 °C eingesetzt werden, können die Ständer einer Holzrahmenbauwand schlanker ausgeführt werden als mit Dämmprodukten, die dieses Kriterium nicht erfüllen.

Wie stark muss sich der Architekt heute mit dem Brandschutz befassen – ist er selber aktiv oder setzt er vor allem auf die Unterstützung von Fachplanern oder Brandschutzexperten?

Bei kleineren Gebäuden mit Wohnnutzung, beispielsweise Einfamilienhäusern oder kleinen Mehrfamilienhäusern, sowie bei weiteren Gebäuden im Bereich der Qualitätssicherungsstufe 1 sollte ein erfahrener Architekt/Bauleiter den Brandschutz selber umsetzen können. Bei grösseren und komplexeren Gebäuden hingegen ist es sinnvoll oder erforderlich, Spezialisten beizuziehen. Trotzdem ist es wichtig, dass ein Architekt die grundlegenden Komponenten des Brandschutzes kennt. Dann kann er sie von Beginn weg in den architektonischen Entwurf einfliessen lassen. Ist das nicht der Fall, wird später unter Umständen seine Idee durch den Brandschutz beeinflusst.